Von:
Ulrich Krämer

e-menschen.de

Ich möchte mal die ganz banale aber doch wichtige Frage aufwerfen: Wie geht es uns MENSCHEN eigentlich? Ein wenig eingegrenzt könnte man auch fragen: Wie geht es den Menschen in Deutschland eigentlich? Eine Frage, die durch die mögliche Antwort brisant wird: Gut geht es uns. Gut? Ja, gut.

Aber da ist doch die Finanzkrise und die Rezession, Kinderarmut und steigende Arbeitslosigkeit. Und das soll gut sein? DAS ist es sicherlich nicht. Der Familienvater, der gerade seine Arbeit verliert, fühlt sich bestimmt erbärmlich. Und die Frau, die ihren Kindern nicht die Chancen eröffnen kann, die sie ihnen gerne geben würde, fühlt sich oft elend. Es gibt viel strukturelles und persönliches Leid.

Aber im Großen und Ganzen stimmt die Antwort dennoch: Uns geht es erstaunlich gut. Die Deutschen sind bemerkenswert zufrieden mit ihrem Leben. Das sagen die Schlagzeilen der Tageszeiten und die Analysen der klugen Köpfe gleichermaßen. Wir Deutschen, die doch immer so ängstlich auf alles reagieren sollen, bleiben richtig gut drauf trotz Krise.

Seltsam, dass die Kirche zu diesem Phänomen bisher schweigt. Oder habe ich da etwas übersehen? Menschen in Not lösen bei uns oft einen christlichen Nächstenliebe-Reflex aus, aber Menschen, denen es trotz Krise gut geht, brauchen die uns und unsere Botschaft noch?

Meine These: Die Deutschen verhalten sich zurzeit richtig gut. Auch unter christlichen Gesichtspunkten trifft das zu. Wir jammern nicht mehr, und wir gebärden uns nicht mehr wie aufgedreht, obwohl die Krise bedrohlich ist. Ich finde, wir gehen – Ausnahmen gibt es sicherlich – gelassen und angemessen mit der Situation um. Wir lassen uns den Spaß am Leben nicht verderben und nehmen die Probleme trotzdem ernst.

Wenn ich auf Jesus von Nazareth schaue, der das Kriterium christlichen Handelns ist, erkenne ich erstaunliche Parallelen. Er hat stets beides getan, das Leben genossen auf der einen Seite und an den Realitäten gelitten wie kein anderer auf der anderen Seite. Für mich sind die Menschen am faszinierendsten, die auch heute beides in ihrem Leben integrieren: Fröhlichkeit und Trauer zulassen, Leichtigkeit und Tiefe leben, den eigenen Wohlstand genießen und für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Das UND ist dabei das entscheidende Wörtchen.